Mohamed Bellafkir

Mohamed Bellafkir, Frankfurt

 

1. Herr Bellafkir, wie lange leben Sie schon in Deutschland und warum haben Sie sich bzw. Ihre Eltern für Deutschland entschieden?

Nachdem ich mein Abitur in meiner Heimatstadt Nador absolviert hatte, habe ich anfänglich Medizin an der „Faculté de Médecine et de Pharmacie“ der Universität Mohammad V in Rabat studiert, bevor mich meine Leidenschaft für Computer gepackt hat und ich mich im Jahre 1993 für ein Studium der Informatik in Deutschland entschieden habe.

2. Im Laufe der Jahre haben Sie sicherlich Einiges erlebt. Können Sie uns 1-2 besondere Fälle schildern, die Ihren Lebenslauf charakterisiert haben?

Wichtig war für mich, neben der Möglichkeit in Deutschland eine solide Hochschulbildung zu genießen, die Möglichkeit bekommen zu haben, meinen persönlichen Horizont weit über meine damaligen Vorstellungen zu erweitern. Schon in Rabat hatte ich die Gelegenheit, Kommilitonen aus anderen Kulturkreisen kennenzulernen und mich mit ihnen austauschen zu können, was mich schon in Marokko fasziniert hat. In Deutschland angekommen, war das die Regel, ich kam in den Genuss, Menschen aus allen Herrenländern zu meinem Freundeskreis zählen zu dürfen, was mir eine Fülle von unterschiedlichen Weltanschauungen, Lebensweisheiten, Religionen und vor allem kulinarischen Spezialitäten geboten hat. Ich habe Studenten aus Lateinamerika kennengelernt und mit ihnen gefeiert, als Brasilien 1994 Weltmeister wurde. Ich habe amerikanische Freunde dazu gewonnen, die meine Sicht auf diese wunderbare Nation zurechtgerückt haben und mich zu Weihnachten 1994/1995 in die Staaten eingeladen haben – eine Einladung, der ich nur zu gerne gefolgt bin und die darin gipfelte, dass ich meine erste Weihnachtsfeier bei einer amerikanischen Familie in der Nähe von Chicago Illinois verbringen durfte. Ich habe die Güte und Freundlichkeit des einfachen amerikanischen Menschen am eigenen Leibe erfahren dürfen und habe in den paar Wochen in Amerika für das Leben gelernt – eine Erfahrung, die meine Persönlichkeit sicherlich sehr geprägt hat. Ich habe mit Christen über Gott und die Welt geredet, mit Juden über den Weltfrieden philosophiert und mit Atheisten über die Entstehung des Lebens gerätselt. Im Großen und Ganzen war Deutschland für mich ein freundlicher Ort, an dem sich Menschen aus der ganzen Welt treffen und Freunde werden können.

3. Welche Vorbilder prägten Sie und woher kamen die Anregungen für ihre Entwicklung?

Meine Eltern haben mich sicherlich durch ihre Liebe, Offenheit, Verständnis und unermüdlichen Einsatz für das Wohlergehen und die Zukunft ihrer Kinder am meisten geprägt und beeindruckt.

4. Was verbindet Sie mit Deutschland, was ist schätzenswert und lebenswert, was müsste korrigiert werden?

Deutschland ist meine Wahlheimat, in die ich nicht einfach nur hineingeboren wurde, sondern für die ich mich bewusst und im Besitz all meiner mentalen Kräften entschieden habe, was die Bedeutung von Heimat ein wenig mehr hervorhebt, meiner Meinung nach.  

5. Wenn Sie heute den Wunsch frei hätten, würden Sie wieder nach Deutschland kommen? Warum?

Ja, ich hätte es genauso gemacht, weil Deutschland mir, wie ich oben bereits erwähnte, nicht nur eine solide Ausbildung ermöglicht hat, sondern mir darüber hinaus die Entfaltungsmöglichkeiten geboten hat, wissenschaftlich und kulturell über mich hinauswachsen zu dürfen und dafür bin ich sehr dankbar. 

6. Was haben Sie studiert und warum?

Ich habe Informatik studiert, weil ich schon in früher Kindheit einen eigenen Computer besessen habe und mich die „neue“ Technik einfach faszinierte. 

7. Ist der Bereich, den sie studiert haben bzw. wo Sie jetzt arbeiten schon immer Ihr Traum gewesen oder welchen Beruf hätten Sie sonst gern ausgeübt?

Ich liebe meinen Beruf als Software-Ingenieur vor allem, weil ich schon vor dem Abitur davon geträumt habe, Software entwickeln zu können.

8. Was ist Ihnen in der Schule oder an der Hochschule am schwersten gefallen? 

Die Abwesenheit meiner Familie, die ich über lange Strecken meines Studiums höchstens einmal jährlich sehen konnte.

9. Wie sind Sie zu dem geworden was Sie heute sind und welche Rolle spielte dabei Deutschland, welche Chancen gab es oder verwehrte Ihnen Deutschland?

Die Unterstützung meiner Eltern und die Möglichkeit, in Deutschland eine solide Hochschulbildung ohne Studiengebühren zu bekommen, hat sicherlich eine große Rolle gespielt. Aber auch die Atmosphäre an den Unis, die kompetenten und sehr umgänglichen Professoren geben den Studenten die Möglichkeit zur freien Persönlichkeitsentfaltung, was zweifelsohne der Qualität der Lehre zugute kommt. 

10. Wie schätzen Sie die Chancengleichheit in Deutschland in Bezug auf Bildung, Ausbildung und Tätigkeitsfelder gegenwärtig ein und wie haben sich diese verändert?

Die Chancengleichheit macht die Grenzen der sozialen Schichten in Deutschland durchlässig und kommt nicht nur den Individuen zugute, die dadurch eine Chance erhalten, sondern auch dem Staat, der dadurch eine Quelle der Kompetenz und Kreativität anzapfen kann, die sonst vergeudet wäre. Auch Zuwandererkinder und ausländische Studenten kommen in den Genuss der Chancengleichheit und schaffen es damit und mit ihrem Engagement, eine fundierte Ausbildung zu erhalten, die ihnen erlaubt, auf der sozialen Skala nach oben zu klettern.

11. Was sollte sich Ihrer Meinung nach in Deutschland ändern?

Mehr Mut zu mehr Chancengleichheit, nicht nur im Bildungsbereich, sondern in allen anderen Bereichen des Lebens auch. Anonyme Bewerbungen, wie jetzt angedacht, sind sicherlich ein guter Weg. Ein Blick zu den Nachbarn in Europa oder über den großen Teich nach Amerika wäre sicherlich nicht schlecht.

12. Was verbindet sie noch mit Ihrer Heimat?

Die Verbindung zu meiner Heimat ist sehr wichtig, zumal meine Eltern dort leben, aber auch sonst ist es mir eine Herzensangelegenheit, die Verbindung aufrechterhalten zu wollen. 

13. Welches Entwicklungspotenzial hat Marokko heute?

Marokko ist ein afrikanisches Land mit einer sehr offenen Konfiguration, durch seine Lage am Mittelmeer und Atlantik. Diese Offenheit spiegelt sich auch in den Menschen wider, die das wahre Kapital des Landes darstellen. Marokko ist darüber hinaus ein Schmelztiegel für mehrere mediterrane und afrikanische Kulturen, aus denen ein Mosaik an Eigenheiten, Sitten und Bräuchen entstanden ist, die weder ausschließlich zu einer Kulturgruppe noch zur anderen zugeordnet werden können. Marokko ist auch geographisch und klimatisch ein Mischwesen aus den schneebedeckten Bergkuppeln und den Skigebieten im hohen Atlas, die einen an die schweizerischen Alpen erinnern, und den Sanddünen in der Sahara, der Kontrast ist so groß, dass man fast die ganze Welt in einem einzigen Land erleben kann. Auch darin liegt ein Riesenpotenzial für Marokko, welches es auszuschöpfen gilt.

14. Wie schätzen Sie die Deutsch-Marokkanische Zusammenarbeit ein, und wo sehen Sie noch Potenziale?

Meiner bescheidenen Meinung nach, ist die deutsch-marokkanische Zusammenarbeit noch in den Anfängen. Es gibt noch sehr viel, was die zivile Gesellschaft auf beiden Seiten leisten kann, um dem zarten Pflänzchen zum Wachsen zu verhelfen. Ich sehe für Marokko ein großes Potenzial in der Zusammenarbeit mit Deutschland, um mehr vom deutschen Know-how zu profitieren und dadurch von der frankophonen Bindung wegzukommen.

15. Welcher Beitrag könnte die Diaspora bei dieser Zusammenarbeit leisten?

Die Diaspora kann Türen öffnen, Kontakte herstellen, und vor allem für den Standort Marokko werben; die Chancen erkennen, so dass Synergien zwischen den beiden Ländern entstehen können. Die Diaspora ist kurzum eine Brücke zwischen Marokko und Deutschland.

16. Wie beschreiben Sie Ihr Engagement für die Entwicklungszusammenarbeit in Ihrer Heimat? Nennen Sie ein paar Beispiele?

Als DMK-Mitglied leite ich seit 2009 das Projekt „Mobilisation des compétences Marocaines en Allemagne pour l’Oriental“ zum Know-how-Transfer zwischen Deutschland und Marokko. Im Mai 2010 haben wir im Rahmen dieses Projekts 21 Fachleute aus mehreren Disziplinen (IT, Gesundheit, Landwirtschaft, Erneuerbare Energien, Bildung und Sozialwesen) in die Region Oriental entsendet, wo sie sich entsprechend ihrer Disziplinen in diversen Institutionen vor Ort mit marokkanischen Kollegen austauschen und Feldarbeit leisten konnten. Im Rahmen dieses Projekts habe ich ebenfalls eine Vorlesung über Softwareentwicklung an der Uni-Nador/Oujda gehalten.
Zurzeit organisiere ich die zweite Auflage des Projekts, die im April 2011 stattfinden wird.

17. Sind Sie verheiratet und haben Sie Kinder?

Ich bin verheiratet und habe noch keine Kinder.

18. Welche Hobbys und Interessen haben Sie?

Lesen, Angeln und Sport. 

19. Und zum Schluss: Haben  Sie ein Lebensmotto?

- Das einzig Beständige ist der Wandel.
- Wir behalten von unseren Studien am Ende doch nur das, was wir praktisch anwenden.  (Johann Wolfgang von Goethe)
- Erfahrungen vererben sich nicht - jeder muss sie alleine machen (Kurt Tucholsky)

Vielen Dank für das Interview. Das Interview führte Herr Mohammed Massad.

 Herr Mohamed Bellafkir:

  • Studium: Diplom-Informatiker mit Schwerpunkt Datenbanksysteme und Kommunikation
  • Beruf: Softwareingenieur und technischer Berater

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