Prof. Dr. Abderrahman Machraoui, Flensburg/Bochum 
„ .. meine Vorbilder, die mich prägten waren mein Vater, erster Leher und Mahatma Ghandi.."
„multikulturelle Gesellschaften stellen eine Bereicherung für die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung dar und sind nicht als problematische Last anzusehen...
"Respektiere andere Kulturen, die andere Werte haben...“
1. Herr Machraoui, wie lange leben Sie schon in Deutschland und warum haben Sie sich bzw. Ihre Eltern für Deutschland entschieden?
Ich lebe in Deutschland seit dem 30.11.1966. Ich kam nach Deutschland im Alter von 18 Jahren, um Medizin zu studieren und Kardiologe zu werden. Mir war ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) angeboten worden. Die Auswahl durch die Schuldirektion für dieses Stipendium erfolgte aufgrund der besten Schulnoten im Abiturjahr 1965/1966.
Nach Abschluss meines Medizinstudiums und der Promotion, jeweils mit der Note sehr gut, der Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie an der Ruhr-Universität Bochum und einer Zusatzweiterbildung in Kinderkardiologie an der Universität Lille strebte ich 1983 eine akademische und ärztliche Mitwirkung an einer der beiden Medizinischen Fakultäten in Marokko an. Für meine Enttäuschung über die abweisende Haltung der damaligen Entscheidungsträger in meinem Heimatland, die keinen Bedarf in Marokko sahen, wurde ich paradoxerweise in Deutschland durch Förderung zum Oberarzt und dann bald zum Leitenden Oberarzt an einer Klinik der Ruhr-Universität Bochum „getröstet“. Dabei wurde ich sogar einem deutschen Kandidaten vorgezogen. Damit erhielt ich die einmalige Chance, mich medizinisch als Spezialist, akademisch als Hochschullehrer und wissenschaftlich als Forscher weiter zu entwickeln und zu entfalten. Die Weiterentwicklung der Kardiologie in Bochum durfte ich achtzehn Jahre lang wesentlich mitgestalten.
Meine Vorbilder, die mich prägten waren mein Vater, erster Lehrer und Mahatma Ghandi.
Mein Vater, Cheikh ben Addou, war mein Vorbild weil er meine Bildung und die Schulbildung in der ganzen Heimatstadt nachhaltig gefördert hat, mir Bescheidenheit, Gelassenheit, zwischenmenschlichen Respekt und die aufopfernde Hilfe für Bedürftige eingeprägt hat. „Si Cheikh“, wie er benannt wurde, starb früh als ich fünfzehn Jahre alt war. Politisch engagiert führte er außerdem die gewaltlose Unabhängigkeitsbewegung in der südöstlichen Region Marokkos während der französischen Kolonialzeit und förderte die arabische Kultur durch Mitgründung einer freien, arabischen Schule in Figuig, auch wenn sie ihm eine mehr als zweijährige französische Gefangenschaft gekostet hat. Über seine Genügsamkeit sei diese Anekdote wiedergegeben: als zwölfjähriger bat ich meinen Vater um neue, moderne Schuhe. Er meinte aber, dass ich noch keine neuen Schuhe benötigte und sagte mir: „schau Dir meine simplen Sandalen an. Damit durfte ich gestern, zusammen mit einer Delegation, im Palast vom König Mohamed V empfangen werden“. Da meine Schuhe tatsächlich nicht schlechter abgeschnitten haben, hielt ich inne. Gelassenheit bei Konflikt- und Stresssituationen wurde mir aber vor allem durch meinen, in meiner Heimatstadt als Humorist bekannter Großvater Addou ben Elmechri, eingeprägt, der jung wie alt Stunden lang in bester Laune halten konnte. Aufgewachsen in einer großen Familie, die fast täglich Gäste, Besucher, Ratsuchende und Hilfsbedürftige empfing, lernte ich den Umgang mit vielen Menschen und eignete ich mir die Hilfsbereitschaft an, die auch in meinem Beruf als Arzt gebraucht wird. Wahrscheinlich kommt mir auch die Lehrtätigkeit meines Vaters und von mehreren Onkeln bei meiner Hochschultätigkeit zugute. Für die Wiederaufnahme des politischen Engagements von „Si Cheikh“ habe ich jedoch nie Zeit gefunden.
Mahatma Ghandi, von dem ich bereits als 13-jähriger gelesen hatte, imponierte mir durch seinen gewaltfreien, hartnäckigen Widerstand gegen die englische Fremdherrschaft. „Gewalt ist die Waffe des Schwachen; Gewaltlosigkeit die des Starken“. So bin ich, wie mein Vater auch, als überzeugter Pazifist herangewachsen.
Einige Eigenschaften im zwischenmenschlichen Umgang, wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft, mit denen ich mich identifizieren konnte und die in Deutschland häufig anzutreffen sind, haben meine Anpassung erleichtert. Schätzenswert in Deutschland ist die Leistungseffektivität, wohl durch Pünktlichkeit, Einhaltung von Terminen, Genauigkeit bei der Ausführung und Sachverstand durch Schulung und Fortbildung. Kritikfähigkeit ist eine weitere, überwiegend anerzogene Eigenschaft bei Deutschen, die Innovationen fördert und nachahmenswert ist. Die individuelle Wertschätzung, die freie Meinungsäußerung und die Möglichkeit der offenen Diskussion über fachliche und gesellschaftliche Themen werden hier mehr gepflegt und geschützt. Andererseits wirken sich der ausgeprägte „Individualismus“ hier wie auch in anderen westlichen Ländern, und die häufiger anzutreffende, unzureichende Zuwendung für ältere Angehörige negativ aus.
Hätte ich wieder die Wahl, so würde ich wieder nach Deutschland kommen, da ich mich hier fachlich gut entfalten und meine Ziele erreichen kann und die Anerkennung und Dankbarkeit genieße, die mich weiter motiviert, um hier und über die Grenzen Deutschland hinaus, vor allem in meinem Heimatland, weiter helfen zu können. Diese Wahl wird bestätigt, weil hier Leistungsstärke und gute Qualität belohnt werden.
Wie bereits erwähnt habe ich Medizin studiert, um Kardiologe zu werden. Dieses Ziel traf ich als Fünfzehnjähriger mit der Wahl des naturwissenschaftlichen Gymnasiums (Sciences expérimentales) nach dem Schul- und Ortswechsel nach Salé. Medizin wurde mir wahrscheinlich inspiriert durch öffentliche, medizinische Aufklärungsfilme der ersten Jahre nach der Unabhängigkeit Marokkos. Ausländische Ärzte, die bei meinem Vater Arabischunterricht erhielten, haben mich offenbar in die Medizin orientiert.
Das ursprüngliche Ziel, Internist und Kardiologe zu werden, habe ich dann erreicht und sogar weit überschritten, da ich zusätzlich Kinderkardiologie, die Weiterbildung in Angiologie absolvierte und ich mich nach sechsjähriger Forschungs- und Hochschullehrtätigkeit zum Privatdozenten (Professeur Agrégé) und nach weiteren sechs Jahren Forschung und Lehre zum Professor an der Ruhr-Universität Bochum und dann an der Universität Kiel ernannt wurde. Hiermit war auch der Weg in die Leitung einer Krankenhausabteilung mit dreißig ärztlichen Mitarbeitern geebnet, die ich Januar 1999 in Flensburg übernahm und weiter ausbaue.
Im Gymnasium, in Marokko, hatten wir keinen einzigen Lehrer, der ein Lehramtsstudium absolviert hatte, weil es sie damals in der von mir gewünschten Fachrichtung (Sciences ex.) noch nicht gab. Dennoch hatten sich die Lehrer, meistens Studenten oder Apotheker, bemüht, den Lehrstoff mit großem Engagement uns zu vermitteln. Dass nicht alle Schüler mitkamen war daran zu erkennen, dass nur vier von ca. 150 Schülern das damalige Abitur bestehen konnten. Die ersten drei Studiensemester in Deutschland waren wegen der sprachlichen Probleme die Schwierigsten. Danach war mein Studium in Marburg und Heidelberg absolut problemlos, immer erfolgreich, wie oben erwähnt, und hat mir viel Spaß gemacht. Manche Vorlesungen und klinische Praktika habe ich sogar freiwillig, aus Eigenmotivation, zweimal besucht. Auf die Prüfungen habe ich mich wegen der jeweils anschließenden Feier immer gefreut! Danach folgten mehrere Umzüge, um meine Facharztweiterbildung aufzunehmen und fortzusetzen. In mehreren Krankenhäusern arbeitete ich als Assistenzarzt, so in Landau in der Pfalz, Kassel, Rotenburg an der Fulda, Bochum und in Lille/Frankreich und dann wieder in Bochum.
Die Vergabe eines Stipendiums durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) war die entscheidende Unterstützung, die ich von Deutschland erhielt und die mir das Medizinstudium ermöglicht hat. Dafür bin ich dieser Deutschen Institution ausgesprochen dankbar. Die Kosten des Studiums konnte ich aber nach meiner Facharztweiterbildung komplett zurück erstatten. Ich bin dafür dankbar, dass ich während meiner Weiterbildungszeit als Assistenzarzt ein volles Gehalt bezog wie meine Deutschen Kollegen. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Ruhr-Universität Bochum konnte ich mich hier in Deutschland entfalten und meine Forschungstätigkeiten frei konzipieren und durchführen. Die zahlreichen Kontakte mit Kollegen aus verschiedenen Universitäten in Deutschland und im Ausland wie Frankreich, Italien, Polen, Spanien, USA u.a.m. im Rahmen von Kongressen und Vorträgen haben meine Erfahrungen erheblich bereichert. Als Leitender Oberarzt und später als Chefarzt gehört der Teamgeist zu meiner Arbeitsstrategie. Die Ziele versuche ich grundsätzlich mit dem Team, ggf. mit Kollegen anderer Disziplinen, gemeinsam zu verwirklichen, indem ich meine Mitarbeiter oder Kollegen einbeziehe und dadurch gleichzeitig fördere. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Zielplanung zusammen mit den Mitwirkenden erfolgt. In Deutschland genieße ich alle Chancen ohne Einschränkung wie die gebürtigen Deutschen auch. Als Führungskraft habe ich keine Mühe, meine deutschen Mitarbeiter zu motivieren, um die Ziele der Abteilung zu erreichen. Die Voraussetzung hierfür ist das systematische Arbeiten nach eigens erstellten Standards. Die von uns entwickelten und publizierten Standards werden auch von vielen Kollegen bundesweit genutzt.
Die Chancengleichheit in Deutschland besteht nur unter bestimmten Voraussetzungen. Diese Voraussetzungen wurden aber bei vielen Bürgern, so z.B. bei Menschen mit Migrationshintergund nicht erfüllt. Daher ist man auch in Deutschland weit weg vom Ideal der Chancengleichheit. Bei der staatlichen Förderung gewisser sozialer Schichten besteht noch Verbesserungspotenzial.
Deutschland sollte sich mehr für Einwanderung aus verschiedenen Landes- und Kulturkreisen öffnen, um einerseits das ungünstige demographische Problem der alternden Bevölkerung zu lindern und anderseits Bürger aus anderen Ländern mehr Bildung und Spezialisierung zu ermöglichen. Jüngere, gebildete Menschen sind die Träger von Innovations- und Entwicklungspotenzial; ihnen darf die Einreise oder Einwanderung, wenn erwünscht, nicht verwehrt werden. Im Zeitalter der Globalisierung dürfen die Landesgrenzen nicht selektiv gesperrt werden, denn multikulturelle Gesellschaften stellen eine Bereicherung für die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung dar und sind nicht als problematische Last anzusehen.
Mit meiner Heimat verbinden mich mehr als zweihundert Familienmitglieder in allen Landesteilen, mit denen ich noch Kontakt habe und vor allem meine Mutter und acht Geschwister. Viele brauchen meine Hilfe oder meinen Rat und ich nutze ihre Erfahrungen mit. Mit meiner Heimatstadt Figuig fühle ich mich so eng verbunden wie schon immer. Ich halte mich über Ziele und Probleme dieser wunderbaren Oase immer informiert und helfe bei ihrer Entwicklung dort, wo ich Möglichkeiten sehe, sei es auch nur mit Rat oder Ideen. Die lokalen bedarfsorientierten Projekte werden auch von mir unterstützt. Ich reise gerne im Herbst nach Figuig zur Dattelernte, weil ich Datteln, vor allem „Aziza“ und „Alassian“ leidenschaftlich gerne genieße. Um diese Datteln bekannt zu machen, bemühe ich mich um die Erstellung eines Bildatlas über dieses Produkt, welches bisher kaum vermarktet wird. Ein Fotoalbum soll vorbereitet werden. Mein Ziel ist es aber auch, mit meiner Berufsgruppe in Marokko zusammen zu arbeiten. Die bisher eher dürftigen Kontakte sollen intensiviert werden.
Marokko hat ein enormes Entwicklungspotenzial auf allen Ebenen, so z.B. im sozioökonomischen und technologischen Bereich. Die jüngere Bevölkerung kann der Garant für diese Entwicklung sein. Die unerlässliche Voraussetzung dafür ist allerdings die Sicherung einer umfassenden, qualitativ verbesserten Bildung, auch in ländlichen und bergischen Regionen Marokkos, den Ausbau der Infrastruktur und eine Erziehung zur Kritikfähigkeit in Familien und Schulen sowie die Heranziehung der Frauen, die genauso einen Beitrag zur Entwicklung des Landes bringen sollen wie Männer. Denn auf die Hälfte der Bevölkerung, die Frauen darstellen, kann auf keinen Fall verzichtet werden. Erfreulicherweise stelle ich fest, dass Marokko in den letzten zehn Jahre große Schritte in diese Richtung unternimmt und dass mein Stolz auf das Heimatland mit jeder positiven Entwicklung weiter wächst.
Die Deutsch-Marokkanische Zusammenarbeit hat in den letzten Jahren gewisse Fortschritte gemacht. Sie ist jedoch noch unzureichend, obwohl wir vom Deutschen System und Arbeitsstil sicherlich mehr dazu lernen können als von anderen Systemen. Viel zu lange hat sich Marokko überwiegend an das französische System orientiert. Es sollte überlegt werden wie die sprachliche Barriere schnell gelöst werden kann, um auch von den positiven Elementen und dem Entwicklungsvorsprung Deutschlands maximal zu profitieren.
Bei der Deutsch-Marokkanischen Zusammenarbeit kann die Diaspora, auch dank des Multiplikatoreffektes wesentlich beitragen. Dem Land adaptierte Entwicklungsprojekte können von verschiedenen Berufsgruppen und Spezialisten der Diaspora in Zusammenarbeit mit ihren Landesleuten und den Deutschen Experten initiiert werden. Die Voraussetzung zur Realisierung der Projekte sollte die konsequente Implementierung eines Qualitätsmanagementsystems und eines übergeordneten Kontrollsystems. Hochmotivierte Mitglieder des Deutsch-Marokkanischen Kompetenznetzes e.V. arbeiten aktuell an verschiedenen Projekten und können einen wesentlichen Beitrag liefern.
Mein persönliches Engagement besteht in folgenden Leistungen: Lieferung von einigen medizinischen Geräten an lokale Ambulatorien. Beratende Tätigkeit für Kollegen sowie für Entscheidungsträger meiner Heimatstadt. Beratung von Kranken. Schulungen über medizinische Techniken zusammen mit meinen Deutschen Mitarbeitern. Unterstützung eines medizinischen Projektes für die Region Figuig in Bouarfa durch Beratung und Schulung. Teilnahme an einer „Caravane Médicale“ in Figuig. Unterstützung der „Caravane du Livre“ im April 2009. Unterstützung einer wissenschaftlichen sozialmedizinischen Arbeit in Figuig in Zusammenarbeit mit einer Londoner Universität. Unterstützung der Herzoperation in Rabat 2009 zugunsten eines herzkranken Mädchens in Zusammenarbeit mit dem marokkanischen Verein „Association Espoir Trait d´Union“ (AETU). Projekt zur Sammlung von medizinischen Geräten zugunsten marokkanischer Krankenhäuser, ebenfalls in Zusammenarbeit mit AETU (noch in Arbeit). Versuch der Unterstützung von landwirtschaftlichen Projekten und zur Frauenqualifikation; hier wird noch nach Förderung gesucht.
Ich bin seit 1981 verheiratet und habe eine Tochter (26 J).
Lektüre von sozioökonomischen und weltpolitischen Themen sowie von archäologischen Berichten. Fotographie. Kulturveranstaltungen (Musik, Diskussionsforum und Theater). Vereinsaktivitäten: Rotary Club Flensburg, DMK e.V., Montagskreis (kulturelle Themen, monatlich) als Moderator, Life e.V. (meistens als Moderator bei Veranstaltungen des Lichtblicks Flensburg e.V.).
Schon als 17-jähriger Schüler habe ich „spekuliert“:
Wäre Zeit käuflich, so wäre ich der erste Kunde.
Im Jahr 1990 schrieb ich u.a. folgende Grundsätze:
Vielen Dank für das Interview. Das Interview führte Herr Mohammed Massad.
Prof. Dr. Abderrahman Machraoui:
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